Die Freundin des Riesen

Suriku machte sich ganz klein und presste sich gegen einen Baum. Er roch die feuchte Erde, auf der er kniete, und die Pflanzen um sich herum. Die Rinde des Baumes, an den er seinen Kopf drückte, war kühl und hart. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er zitterte vor Anspannung. Bloß nicht bewegen, keinen Laut, dachte er. Wenn er dich jetzt bemerkt, bist du erledigt.

Seine Augen starrten auf das Wesen vor ihm. Es war Nacht, doch das Mondlicht erhellte die Lichtung und den riesigen Grom, der da hockte. Er schien mit irgendetwas beschäftigt zu sein. Suriku sah, dass er den Boden absuchte. Von Zeit zu Zeit ließ der Riese ein schreckliches Heulen und Grollen ertönen, das dem Jüngling durch Mark und Bein ging. Suriku wusste, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war. Jetzt oder nie . . .  

 

Vor einigen Wochen hatte er sein Dorf verlassen. Niemandem hatte er von seinem Plan, in die Welt hinauszuziehen, erzählt. Es gab nichts im Dorf, womit er sich eng verbunden fühlte. Sein Vater war kurz nach seiner Geburt von einem Rag schwer verletzt worden. Trotz aller Bemühungen der Heiler war es nicht möglich gewesen, ihn zu retten. Der Biss eines Rags war fast immer tödlich. Seine Zähne sonderten eine giftige Substanz ab, die die Nervenzellen angriff. Nur ein Schamane mit starken Kräften konnte dem widerstehen. Surikus Vater war jedoch kein Schamane. Er war ein geachteter Jäger, der seine Pflichten dem Dorf und der Familie gegenüber immer gewissenhaft erfüllt hatte. Bis man ihn nach dem Biss ins Dorf gebracht hatte und bis der erste Heiler sich um ihn kümmern konnte, war das Gift schon so weit in seinen Körper vorgedrungen, dass er keine Chance mehr hatte. Er schlief ein und wachte nie mehr auf.

Suriku hatte keine Geschwister, nur seine Mutter lebte noch. Diese bekam er jedoch selten zu Gesicht, da sie ein Mitglied des Rates war. Ein Stamm, das sind normalerweise einige große Familien, wurde von einem Rat geführt. Dessen Größe richtete sich nach der Anzahl der Familien. Suriku gehörte zum Stamm der Ho'ki, einer großen Gemeinschaft mit einem Rat aus dreizehn Personen. Seine Mutter hatte deshalb immer wichtige Verpflichtungen und konnte sich kaum um ihn kümmern. Das war mittlerweile allerdings auch nicht mehr nötig, da er kurz davor stand, ein erwachsener Mann zu sein und gut allein zurecht kam.

Mitten in der Nacht hatte er sich aus dem Dorf geschlichen. Leise und vorsichtig, sodass ihn keiner bemerkte. Suriku wollte raus in die Welt. Er wollte sich allen Prüfungen stellen, die ihm das Schicksal auferlegte, alle Hindernisse überwinden und als mächtiger Krieger in sein Dorf zurückkehren. Ich komme als großer Kriegerheld zurück, dachte er. Dann werden sie staunen und mich verehren. Ich werde zum Führer der Reiterstaffel, vielleicht sogar zum Befehlshaber der gesamten Kriegerschaft. Der Ho'ki wusste, dass viele Gefahren auf ihn warteten. Normalerweise ging niemand allein aus dem Dorf. Das war viel zu gefährlich. Wenn gejagt oder gesammelt wurde, waren immer auch bewaffnete Wächter dabei. Die Wälder waren voll von Kreaturen und Monstern, die mit Leichtigkeit einen Mann zerfetzen konnten. Es war an der Tagesordnung, dass Dorfbewohner angegriffen und getötet wurden.

Suriku war zwar jung und ungebildet, aber er war nicht dumm. Natürlich war ihm klar, dass es nicht leicht werden würde. Er hatte sich aber in den Kopf gesetzt, seinem Dorf durch außergewöhnliche Heldentaten zu imponieren. Bis jetzt war er noch nicht für würdig befunden worden, das Mal des Kriegers zu tragen. Das lag allerdings nicht an seinen Fähigkeiten, sondern einfach daran, dass er noch zu jung war. Die Führer der Kampfgruppen entschieden in regelmäßigen Abständen, wer schon geeignet war und wer noch nicht. Suriku war noch nicht so weit. Sie haben mich dieses Jahr wieder nicht aufgenommen, ärgerte er sich, obwohl ich fast alle im Duell besiegt habe. Die alten Anführer wussten jedoch, dass es nicht allein auf körperliche Kraft und Schnelligkeit ankam. Zu einem richtigen Krieger gehörte auch Weisheit, Besonnenheit und Selbsterkenntnis. Eigenschaften, die er noch verbessern musste.   

Suriku hatte sich vorgenommen, einen Grom zu töten. Die alten Schriften erzählten von nur drei Männern, die das bisher geschafft hatten. Ein Grom war ein Riese von bis zu vier Metern Größe, also etwa doppelt so groß wie ein Mensch. Er war wild und äußerst aggressiv. Nach dem, was die Alten erzählten, gab es nur eine Möglichkeit, einen Kampf für sich zu entscheiden. Man musste auf den Grom zulaufen, so nahe wie es ging, und dann mit aller Kraft einen Speer zu seinem Hals schleudern. Schaffte man es, seinen Hals zu durchbohren, war er erledigt. Ein anderes Körperteil anzugreifen hatte keinen Sinn, da dort die Muskeln und Knochen viel zu hart waren. Der Jüngling wusste das. Die meiste Zeit hatte er zwar nicht aufgepasst, wenn die Lehrer ihre Geschichten erzählten, die Kämpfe der Vorfahren interessierten ihn jedoch schon immer. Da war er immer hellwach und hörte genau zu.

 

Der Grom schlug mehrmals verärgert mit der Faust auf den Boden. Staubwolken wirbelten auf und die Erde um ihn herum bebte. Er schrie seine Wut hinaus mit einem grässlichen Schrei. Das Monster nahm einen dicken Ast und schleuderte ihn seitlich ins Gebüsch. Wieder und wieder hämmerte er auf den Boden. Suriku beobachtete das wahnsinnige Schauspiel und obwohl er Angst hatte, überlegte er sich, wie er am besten angreifen könnte. Jetzt auf die Lichtung zu springen wäre schlecht. Der Grom war so aggressiv, dass er nicht genug Zeit haben würde, seinen Speer zu werfen. Er musste den passenden Moment abwarten.

Plötzlich geschah jedoch etwas Unerwartetes. Der Riese sank in sich zusammen und fing an zu schluchzen. Ein tiefes, unheimliches Heulen erklang im nächtlichen Mondlicht und es kam dem Ho'ki vor, als wäre das Ende der Welt gekommen. Der Grom saß mitten auf der Lichtung und weinte. Es war meilenweit zu hören. Suriku konnte nicht genau erkennen, was da auf dem Boden bei dem Riesen vor sich ging, aber irgendetwas schien unter der Erde zu sein, was ihm wichtig war.

In der Ferne tauchte plötzlich eine Flugechse am Himmel auf. Mit großen, gleichmäßigen Flügelschlägen glitt sie durch die Nacht. Die ungewöhnlichen Geschehnisse auf der Lichtung bemerkte das Reptil offenbar nicht, denn es wurde nach und nach kleiner und verschwand schließlich wieder in der Dunkelheit.   

Das Schluchzen des Groms wurde auf einmal leiser. Er beruhigte sich wieder. Etwas später erhob er sich und schritt langsam davon. Suriku beschloss, den Riesen ziehen zu lassen. Er hätte jetzt von hinten auf ihn zustürmen können, der Augenblick wäre günstig gewesen. Einen weinenden Grom anzugreifen erschien ihm allerdings unwürdig. Außerdem hatte er auf einmal Mitleid mit dem Riesen. Er wartete, bis nichts mehr zu hören und zu sehen war, setzte sich dann auf und lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum. Seinen Speer legte er neben sich. Suriku trug noch ein Schwert und einen Dolch, beides war an seinem Gürtel befestigt und musste beim Sitzen nicht abgenommen werden.

Die Angst und die Anspannung hatten Nerven gekostet. Der Ho’ki war völlig erschöpft. Nach kurzer Zeit fielen ihm die Augen zu und er versank in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Seine Umgebung um ihn herum war vergessen. Einige Stunden schlummerte er so friedlich vor sich hin, bis er plötzlich eine leise Stimme hörte:

„Huhu! Mensch!“

Verschlafen schaute der Ho'ki auf. Er drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam und traute seinen Augen nicht. Auf seiner Schulter saß eine winzige Kreatur, höchstens so groß wie ein Finger von ihm. Im ersten Moment wollte Suriku das kleine Etwas von seiner Schulter wegstoßen, er hatte schon die linke Hand gehoben, um den Kleinen runterzuschubsen, da hielt er plötzlich inne. Das kleine Wesen war ein Humanoid, genau wie er. Der Sturz nach unten könnte ihn verletzen. Suriku ließ die Hand wieder sinken und schaute sich den Kleinen näher an. Verblüfft stellte er fest, dass es kein Er war, sondern eine Sie. Ein Mädchen. Allerdings nur fingergroß. Sie musste ihn schon mehrmals gerufen haben, denn sie war verärgert darüber, dass er so träge reagierte.

„Endlich!“, beschwerte sie sich. „Ich musste extra auf deine Schulter hochklettern und dir ins Ohr schreien, du Schlafmütze!“

Unter fluchendem Gegrummel und Gemurmel begann sie wieder hinunterzuklettern. Suriku wollte die Kleine erst mit der Hand anheben und runtersetzen, ließ es dann allerdings, denn er wollte sie nicht noch weiter reizen.    

Das Mädchen hatte einige Mühe wieder hinunterzugelangen. Sie hangelte sich zuerst an Surikus Kragen entlang, bis sie sich genau unter seinem Kinn befand. Unter ihr, senkrecht abfallend, war nun die Knopfleiste von Surikus Weste. Sie ließ beide Hände los und fiel ein Stück abwärts. Beim zweitobersten Knopf angekommen, griff sie zu und hing nun an diesem. Das wiederholte sie bei drei weiteren Knöpfen, bis sie sich in Höhe von Surikus Bauchnabel befand. Dieser beobachtete fasziniert, wie geschickt die Kleine an ihm herumkletterte. Sie schwang sich, noch immer am Knopf hängend, hin und her, um im rechten Moment loszulassen und zu Surikus rechter Jackentasche hinüberzufliegen. An dieser klammerte sie sich fest. Jetzt war sie in geringer Höhe über Surikus rechtem Oberschenkel. Sie ließ los und landete auf dessen Bein. Geschickt rollte sie sich ab, um den Aufprall abzufedern. Die Kleine setzte sich, leicht schnaufend aufgrund der Anstrengung, und schaute zu ihm hoch. Suriku seinerseits blickte zu ihr hinunter.

„Wer bist du denn?“, fragte er.

„Ich bin Esyia“, sagte das Mädchen. „Und wer bist du, Schlafmütze? Hast du dich verirrt?“

„Nenn' mich nicht immer Schlafmütze“, erwiderte der Ho'ki verärgert. „Mein Name ist Suriku. Nein, ich habe mich nicht verirrt.“

Das stimmte nicht ganz, denn er wusste in Wahrheit nicht mehr so genau, wo er war.

„Menschen sieht man im Dunkelwald selten“, sagte die Kleine.

„Dunkelwald?“

„Unser Wald heißt so. Die Sonne geht hier niemals auf.“

„Ach so.“

Verwundert schaute Suriku sich um. Tatsächlich. Es war immer noch Nacht. Einen Sonnenaufgang schien es nicht zu geben. Das Licht des Mondes wurde allerdings von der freien Fläche der Lichtung reflektiert, sodass es hell genug war, um etwas sehen zu können. Der Ho’ki betrachtete das Mädchen genauer. Esyia musste etwa so alt sein wie er selbst. Sie war zierlich und hatte helle Haut, die schon leicht ins Blasse überging. Ihre langen Haare waren seltsam weiß mit silbernen Strähnen. 

„Zu welcher Art gehörst du denn?“, fragte er. 

Esyia senkte den Blick. 

„Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Ich bin eines Morgens aufgewacht und war da.“

„Einfach so?“, wollte Suriku wissen.

„Ja, einfach so“, erwiderte Esyia betrübt. „Ich kenne meine Familie nicht und auch nicht die Art, zu der ich gehöre. Ich muss sehr lange geschlafen haben. Vor zwei Jahren bin ich aufgewacht mit völlig zerrissener und zerfetzter Kleidung. Ich kann mich an nichts mehr erinnern.“

„Oh…“, machte Suriku mitfühlend.

Er schaute genauer zu ihr hinunter und entdeckte, dass sie Tränen in den Augen hatte.

„Woher weißt du denn noch deinen Namen?“, fragte er vorsichtig.

Esyia fasste sich an den Hals und holte ein kleines Medaillon hervor, das an einer Kette um ihren Hals hing. „Der Name steht hier drauf.“

Sie fing an, in einem winzigen Beutel herumzukramen, den sie auf dem Rücken getragen hatte. Sie hatte ihn abgenommen und neben sich auf den Boden, also Surikus Oberschenkel, gelegt. Vermutlich um auf andere Gedanken zu kommen, holte das Mädchen etwas heraus und biss hinein.

„Was ist das?“, wollte Suriku wissen, der merkte, dass es erst mal besser war, nicht weiter über Esyias Herkunft zu sprechen.

„Eine Honigecke“, erklärte sie, „Willst du auch was?“

„Nee“, sagte Suriku und musste lachen.

Dieses kleine Stück Honig war natürlich viel zu wenig für ihn. Außerdem wollte er dem Mädchen nichts wegessen. Surikus Lachen und die süße Honigecke schienen Esyia allerdings wieder etwas aufzumuntern. Sie schmunzelte und fragte:  

„Was machst du hier?“    

„Ich habe die Fußspuren eines Groms gesehen. Denen bin ich gefolgt und die haben mich direkt zu dieser Lichtung geführt.“

„Aha.“

„Ich bin auf der Suche nach ehrenhaften Kämpfen“, erklärte der Ho'ki. „Wenn ich einige sehr starke Gegner besiege, werde ich im Dorf in die Kriegerschaft aufgenommen.“

„Soso“, bemerkte Esyia skeptisch.

„Ein Grom würde mich sofort zum Helden machen, so ein Monster haben bisher erst drei Leute besiegt.“

Das Mädchen sprang auf. „Sag nicht, du wolltest Bobb töten!“
„Wer ist Bobb?“

„Der Grom, der gestern hier war und geweint hat“, sagte Esyia.

„Wie der heißt, ist doch egal“, meinte Suriku keck. „Wenn ich ihn umhaue, nehmen die mich auf.“

Die Kleine spuckte verärgert den Rest ihrer Honigecke auf Surikus Bein.

„Ey!“, protestierte er.

„Niemand wird Bobb angreifen! Bobb ist im Dunkelwald sehr beliebt und außerdem ein Freund von mir! Er ist eh viel zu stark. Bis auf einen Meadon habe ich noch kein Wesen gesehen, dass sich getraut hätte, es mit Bobb aufzunehmen.“

Suriku war völlig überrascht. Damit hätte er jetzt nicht gerechnet. Esyia war mit so einem Monster befreundet. Unglaublich. Der Ho'ki versuchte das Mädchen wieder zu beruhigen:

„Ich habe doch nur gesagt, dass sie mich aufnehmen WÜRDEN, wenn ich ihn besiege. Ich lasse Bobb schon in Ruhe.“ 

„Das solltest du auch“, erwiderte die Kleine. „Die Einzigen, die mit Bobb Probleme haben, sind die Bäume.“ Sie sah nach unten und suchte Surikus Hose nach der Honigecke ab. „Bobb kann seine Gefühle nicht gut kontrollieren. Wenn er wütend ist, und das ist oft, fängt er immer an zu randalieren.“

„Das habe ich gesehen“, sagte Suriku. Er erinnerte sich daran, wie der Riese den Ast weggeschleudert hatte. „Was wollte er eigentlich auf der Lichtung und warum hat er angefangen zu weinen?“

Esyia sprang von Surikus Bein hinunter und stand nun auf dem Boden vor ihm.

„Diese Lichtung ist eine Grabstätte“, sagte sie. „Bobb hat vor ein paar Monaten da seinen Gefährten begraben. Er hatte einen Wolf, der ihn immer begleitete. Bobb wurde damals von einem Meadon angegriffen. Ohne seinen Gefährten hätte er nicht überlebt. Der Wolf hat sich auf die Echse gestürzt, um Bobb zu helfen. Die hat ihn dann getötet. Bobb selbst war zwar verletzt, konnte aber entkommen.“

„Hmm. . .“, überlegte Suriku, „Bobb ist ein Riese, wieso vertreibt er keinen Meadon?“

„Weil ein Meadon noch zehn Mal größer ist als Bobb“, erläuterte Esyia und schüttelte wegen Surikus Unwissenheit den Kopf.  

Oha, dachte der Ho'ki. Ein Grom ist ja schon ein furchterregendes Geschöpf. Wie muss dann erst diese Echse sein. Da wo er herkam, sah man höchstens mal kleinere Petaros vorbeifliegen. Bei dem Gedanken fiel ihm auf, dass es eigentlich Zeit war, weiterzuziehen. Er hatte sich lange genug aufgehalten. Suriku erhob sich und nahm seinen Speer. Sein Blick fiel hinunter auf die kleine Esyia. Irgendwie hatte er auf einmal das Gefühl, sie nicht allein lassen zu können.

„Wie groß bist du eigentlich?“, fragte er vorsichtig.

„Fast acht“, erwiderte sie und stemmte die Arme in die Hüften.

Suriku schmunzelte. „Acht was?“

„Hamsterpfoten“, erklärte Esyia. Dabei errötete sie leicht, denn sie schämte sich ein bisschen dafür, dass sie so klein war. Eine Hamsterpfote war in der Welt von Utvalin ungefähr ein Zentimeter.

Das Mädchen fing plötzlich an, ihren Rucksack zuzubinden. Offenbar wollte sie auch dieses Thema nicht weiter vertiefen. 

„Wenn du raus willst aus dem Dunkelwald, musst du in diese Richtung gehen“, sagte sie und zeigte auf den Vollmond.

„Danke“, erwiderte Suriku.

Anstatt aber loszugehen, schaute er weiter hinunter auf das Mädchen und sie blickte fragend zu ihm auf. Sie erwartete, dass er sich jetzt aufmachte und sie verließ.

„Willst du nicht mitgehen?“, fragte Suriku plötzlich. „Wir könnten deine Art suchen. Ich wette, es gibt irgendwo noch welche wie dich.“

„Musst du nicht ehrenhafte Kämpfe machen?“, fragte Esyia überrascht, denn es war das erste Mal, dass ihr jemand helfen wollte, die Geheimnisse ihrer Herkunft zu lüften.

„Naja“, sagte Suriku, „da draußen gibt es viele Gefahren. Ich glaube, wir werden mehr Ärger mit Monstern haben, als uns lieb ist. Da werden schon genug Ehrentrophäen für mich rausspringen.“

Esyia mochte diese Einstellung eigentlich überhaupt nicht. Einfach rumrennen und irgendwas töten, was einem gar nichts getan hat, fand sie falsch. Der Gedanke aber, etwas über ihre Herkunft herauszubekommen, reizte sie sehr. Was wäre, wenn es irgendwo ein Dorf mit meinen Leuten gäbe?, dachte sie und war plötzlich ganz aufgeregt. Allerdings hatte sie den Dunkelwald noch kein einziges Mal verlassen, seit sie damals erwacht war. Hier kannte sie sich aus und war sicher. Außerdem hatte sie in den zwei Jahren auch einige Freunde gefunden, die ihr in der Not helfen würden.

Suriku bemerkte, dass Esyia Angst hatte. „Was hältst du davon, wenn wir Bobb mitnehmen?“, schlug er vor.

„Bobb?“ Das Mädchen lachte. „Bobb ist ein Riese. Wenn der wütend wird, kann ihn keiner mehr halten. Das ist viel zu riskant.“

„Wir brauchen aber einen starken Schutz für dich“, sagte Suriku fachmännisch. „Ich als Mensch kann nicht dich und mich beschützen. Mit einem Riesen als Freund greift uns so schnell keiner an.“

Esyia überlegte. Bobb hatte ihr schon öfters geholfen. Aber er war aufbrausend und leicht erregbar. Die Bäume konnten ein Lied davon singen. Wenn sie aber tatsächlich etwas über ihre Vergangenheit herausbekommen wollte, war das vielleicht die einzige Chance. Sie war einfach zu klein und zu schwach, um sich selbst zu verteidigen. Auf den Grom konnte sie sich verlassen.

Die Kleine dachte noch eine Weile darüber nach, bis sie sich schließlich entschied, es zu wagen und mit dem Ho'ki mitzugehen. Die Vorstellung, andere wie sie zu treffen, war einfach zu verlockend.

 

So machten sich die beiden auf zu dem Riesen Bobb.